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100%-Matches im Translation Memory – kostenloses Übersetzen inklusive?

Hohe Matchrate = hoher Rabatt?

Kürzlich las ich Broschüren verschiedener CAT-Tool-Anbieter, die vor allem an Auftraggeber gerichtet waren. Wie üblich wurde als Verkaufsargument in erster Linie suggeriert, dass der Kunde für „hochprozentige“ TM-Matches nur sehr wenig oder gar kein (!) Honorar bezahlen muss, weil diese ja bereits im TM vorhanden seien und automatisch und ohne Prüfung übernommen werden können.

 Standards und Textbausteine verändern sich

Da muss ich etwas gequält lächeln, wenn ich daran denke, wie unzuverlässig viele hochprozentige und 100%-Matches sind. Denn wie häufig hatten sich die Terminologiepräferenzen und Standardpassagen selbst während meiner damaligen langjährigen Anstellung im Sprachendienst eines Pharmaunternehmens verändert – trotz gründlicher und unermüdlicher Terminologiearbeit, viel Überzeugungsarbeit und TM-Pflege.

In vielen Unternehmen wechseln im Laufe der Zeit sowohl die Auftraggeber als auch die Sprachdienstleister, und so ist ganz natürlich, dass sich mit der Zeit neue Terminologie- und Textsegment-Varianten in den unterschiedlichen Texten (und TMs) einer Firma ansammeln oder frühere Standards verworfen werden.

Auch wenn ich im Rahmen meiner freiberuflichen Übersetzungsprojekte nach Hintergrundmaterial recherchiere, finde ich fast immer Varianten in den Referenztexten und weise meine Kunden auf diese hin. Diese Varianten spiegelt dann auch das Translation Memory des Unternehmens wider.

Rabatt auch bei veränderten 100%-Matches?

Agenturen bieten ihren Kunden oft eine bestimmte zu übersetzende Wortzahl mit den entsprechenden Rabatten an und verlangen entsprechende Nachlässe von den Übersetzern. In der Praxis muss aber ein angebliches 100%-Match oft noch verändert werden, weil es im speziellen Kontext nicht passt – wenn zum Beispiel im vorhergehenden und darauffolgenden Satz das gleiche Verb verwendet wurde oder Sätze für einen besseren Textfluss verbunden oder geteilt werden müssen. Zu meinem Qualitätsverständnis als Übersetzerin gehört es nun, das unpassende 100%-Match zu korrigieren und ggf. einen entsprechenden Kommentar einzufügen. Ist dann für einen solchen Satz und den Zeitaufwand noch eine hohe Rabattierung gerechtfertigt? Ich finde nein.

 TMs mit mehreren 100%-Matches

Gleiches gilt, wenn ein Kunde bei seiner Ausgangstext-Analyse ein riesengroßes TM mit zahlreichen Varianten verwendet. Für welche Variante soll sich der Übersetzer entscheiden? Gerade für kurze Segmente gibt es oft „hochprozentige“ Matches, die in einem anderen Textkontext völlig falsch sind.

Hohe Matchraten trotz großen Änderungsaufwands

Meine Kollegin machte mich noch auf zwei weitere Aspekte aufmerksam: Sie hatte einige Studienunterlagen zu einer Brustkrebsstudie zu übersetzen. Da gab es aus älteren Studien derselben Firma viele 100%-Matches mit „patient“, die im Deutschen alle auf „Patientin“ angepasst werden mussten. Natürlich mussten dann auch die Artikel usw. angepasst werden.

Was auch sehr häufig vorkommt: Patienteneinverständniserklärungen liegen in vier Ausführungen vor, und eine davon ist für Kinder bzw. deren Eltern gedacht. Da ergibt die Analyse des englischen Texts oft eine sehr hohe Matchrate, weil in einem Satz statt „your“ nur „your child“ steht, aber der Rest gleich bleibt. Im Deutschen ändert sich dadurch aber der ganze Satz massiv, und man kann nicht mit Suche/Ersetze arbeiten, weil man auf Fälle und das Verb achten muss!

Ein Beispiel:
EN:
1)    If your doctor determines that you qualify for this study you will receive study drug during two separate treatment periods.

2)    If your child’s doctor determines that your child qualifies for this study your child will receive study drug during two separate treatment periods.

DE:
1)      Wenn Ihr Arzt zu dem Schluss kommt, dass Sie für die Teilnahme an dieser Studie geeignet sind, erhalten Sie das Prüfmedikament im Rahmen von zwei separaten Behandlungsphasen.

2)      Wenn der Arzt Ihres Kindes zu dem Schluss kommt, dass Ihr Kind für die Teilnahme an dieser Studie geeignet ist, erhält Ihr Kind das Prüfmedikament im Rahmen von zwei separaten Behandlungsphasen.

 Welche Lösungsansätze gibt es?

Die Übersetzerforen sind voll von Berichten über Missverständnisse und dem Wunsch nach einer gerechten Lösung für alle Beteiligten.

Grundsätzlich ist es wichtig, die Abrechnung von TM-Matches schon vor der Auftragserteilung zu klären.

Ich setze bei jedem Kunden zunächst voraus, dass er nicht nur sein Übersetzungsbudget im Auge hat, sondern die Qualität des Textes mindestens genauso wichtig ist. Entsprechend kommuniziere ich, dass die Übersetzung, die ich als Übersetzungsdienstleisterin liefere, eine gründliche und vollständige Qualitätsprüfung durchlaufen wird, auf Wunsch – und gegen Aufpreis – auch nach dem 4-Augen-Prinzip.

Ich biete dem Kunden einen Rabatt an, wenn im Rahmen eines Auftrags Wiederholungen auftreten und mir der Kunde seine Freigaben sendet, damit ich mit einem zuverlässigen TM arbeite.[1] Dabei stelle ich klar, dass ich auch die Matches mit 100%iger Übereinstimmungen sorgfältig und kritisch prüfe und diese Qualitätssicherungsmaßnahme nicht kostenlos ist.

Besteht der Kunde auf einer hohen Rabattierung und beharrt darauf, dass die 100%-Matches nicht angefasst werden müssen, gibt es eine andere Variante: Sie besteht darin, dass der Auftraggeber – das gilt meist für Agenturen, denn nur wenige Direktkunden arbeiten selbst mit CAT-Tools – 100%-Matches für die Bearbeitung sperrt und bei Auftragserteilung klar ist, dass diese Matches NICHT vom Übersetzer geprüft werden. In diesem Fall mache ich den Kunden explizit darauf aufmerksam, dass ich keinerlei Verantwortung für die Richtigkeit dieser ungeprüften Segmente übernehme.

Alternativ biete ich an, diese Segmente selbst zu sperren und den Zeitaufwand für diese Dateivorbereitung abzurechnen.

Fazit

CAT-Tools reduzieren den Anteil der Routinearbeit und die Durchlaufzeiten, und sie steigern die Konsistenz und – Kundenfeedback und sorgfältige TM-Pflege vorausgesetzt – die Qualität. Dafür steht dem Kunden ein Rabatt zu. Der Arbeitsaufwand, den die Dateivorbereitung , TM-Pflege und das Prüfen der Matches verursacht, darf sich der Übersetzer aber guten Gewissens bezahlen lassen.


[1] Ein kleiner Tipp: Zur Sicherheit versehe ich meine Übersetzungen mit Statusattributen, so dass ich erkenne, ob ein bestimmtes Segment freigegeben wurde oder nicht. Natürlich verhindert das nicht  künftige Veränderungen, aber ich weiß zumindest, dass der Kunde das Segment bereits einmal geprüft hat.